Schwerelos trainieren mit Aqua-Bouncing

Unterwasser-Trampolin, Foto Thomas Warnack

Trampolinhüpfen ist nicht nur etwas für Kinder und Leistungssportler. Unter Wasser wird daraus Aqua- Bouncing. Gaby Mössle-Daniels möchte das effektive, gelenkschonende Fitnessprogramm nicht mehr missen.

 

Gleich geht’s los. Zuerst schnell in die Umkleidekabine, dann steigt Gaby Mössle-Daniels in das brusttiefe Wasser des Hallenbads. Unterm Arm trägt sie ein Trampolin, das sie auf den Boden des Pools stellt. Es ist nicht zu schwer, auch wenn man es normalerweise zu zweit trägt. Die anderen sechs Kursteilnehmer sind bereits im Wasser. Kursleiterin Kathrin Höss stellt den CD-Player an, Popmusik erklingt. Jetzt legen die Teilnehmer los. Kräftig hüpfen sie auf dem Unterwasser-Trampolin, in den Händen halten sie Wasserhanteln. „Die Knie hochziehen“, „Und die Knie noch mal hochziehen“, „Schulter hoch, Schulter zurück“ – lautstark gibt die Kursleiterin die Kommandos. Je länger die Trainingseinheit voranschreitet, desto anspruchsvoller werden die Übungen – und desto anfeuernder tönt die Musik aus dem CD-Player. Gaby Mössle-Daniels hat trotz der Anstrengung ein Lächeln auf den Lippen.

Fit mit Gute-Laune-Garantie

Aqua-Bouncing – zu Deutsch: Unterwassertrampolin- Springen – nennt sich dieses ungewöhnliche Fitnesstraining im warmen Wasser. Der Kurs ist ein Kooperationsprojekt der örtlichen Arbeitsgemeinschaft der Rheuma- Liga Bad Saulgau und der ört lichen Reha - bilitationsklinik, die zu den Waldburg-Zeil- Kliniken gehören. Vor etwa drei Jahren war der damalige Leiter der Reha-Klinik, Prof. Dr. Wolf D. Scheiderer, auf der Suche nach einem medizinisch innovativem Bewegungsangebot im Wasser. Gemeinsam mit Prof. Jürgen Schneider, Präsident des Landesverbands der Rheuma-Liga Baden-Württemberg, probierte er das Aqua-Bouncing aus – und war sofort begeistert. Eine neue sportive Therapieform, die Spaß macht und sportmedizinisch eine hohe Relevanz hat. Seither hüpfen Teilnehmer wie Gaby Mössle- Daniels in hüft- bis brusttiefem Wasser auf einem speziellen Trampolin, das mit Saugnäpfen fest auf dem Beckenboden fixiert ist.

Der Auftrieb des Wassers hilft, das eigene Gewicht zu tragen – das schont die Gelenke. Andererseits müssen die Kursteilnehmer bei jeder Bewegung gegen den Wasserwiderstand arbeiten. Das macht das Training äußerst effektiv: Um das Gefühl der Schwerelosigkeit nach dem Absprung vom Trampolin erfahren zu können, muss mit Kraft gegen den Wasserwiderstand angesprungen werden.

Auf dem Land könnte Gaby Mössle-Daniels gar nicht so ausdauernd joggen. „Da komme ich mit der Kondition nicht klar“, erläutert die 50-Jährige. Sie werde dann schnell kurzatmig. Ihr Hauptproblem sind aber die Beine: Seit vier Jahren hat sie dort schmerzhafte Lip-/Lymphödeme, sprich Wassereinlagerungen – ein Symptom der Fibromyalgie. Auch der Rücken macht ihr zu schaffen. Sie hat einen Bandscheibenvorfall im Lendenwirbelbereich. Um die Schmerzen erträglich und sich fit zu halten, hat sie sich beim Aqua-Bouncing- Kurs angemeldet. Außerdem geht sie einmal pro Woche zur Wassergymnastik mit anschließender Trockengymnastik. „Das sind für mich fixe Termine“, betont die selbstständige Vermögensberaterin. Nach 45 Minuten Aqua-Bouncing-Kurs sind ihre Schmerzen etwa zwei bis drei Tage lang deutlich schwächer.

Über das Fibromyalgiesyndrom hat sie sich ausführlich informiert: Sie leitet in Bad Saulgau eine Gesprächsgruppe der Rheuma-Liga zu Fibromyalgie. Sie kennt viele Geschichten von einzelnen Mitgliedern des Gesprächskreises, die über ihre negativen Erfahrungen mit Ärzten berichteten. Doch trotz ihrer eigenen Beschwerden bezeichnet Gaby Mössle- Daniels sich selbst nicht als „krank“. Sie spricht lieber von „Baustelle“ als von Krankheit. Und für sie ist klar: Ihre Baustelle muss sie regelmäßig bearbeiten, um die Schmerzen zu lindern. Im Wasser fällt ihr das wesentlich leichter, denn gefühlt wiegt sie dank Auftrieb nur einen Bruchteil ihres normalen Körpergewichts.Auch muss sie keine lästigen Kompressionsstrümpfe tragen wie beim Sport an „Land“. „Das Wasser ist für mich deshalb eine gigantische Alternative“, sagt Gaby Mössle- Daniels. „Beim Aqua-Bouncing fühlt man sich leicht wie eine Feder.“ Man brauche auch keine Angst haben, beim Hüpfen das Trampolin zu verfehlen: „Es ist groß genug.“

Ausgleichssport mit Pfiff

Allmählich neigt sich die 45-minütige Kurseinheit dem Ende entgegen. Passend dazu wird die Musik aus dem CD-Player ruhiger. „Schultern kreisen lassen“, „Arme ausschütteln, Beine ausschütteln“, „Bis zum nächsten Mal“ – Therapeutin Kathrin Höss verabschiedet die Kursteilnehmer. Zufrieden steigen die aus dem Becken und verabschieden sich in Richtung Umkleidekabine. Unter den sieben Teilnehmern sind nicht nur Rheumabetroffene, sondern auch Kerngesunde – zum Beispiel der 29-jährige Christian Reiner. „Hauptsächlich als Prävention mache ich mit“, sagt der Betriebs - wirt. Aufgrund seiner Arbeit sitzt er viel im Büro, da ist Aqua-Bouncing ein guter Ausgleich. Therapeutin Höss hat noch keinen Feierabend, eine weitere Gruppe ist bereits im Schwimmbecken und wartet auf den Beginn einer anderen Wassersport-Übung. Von Aqua-Bouncing ist sie überzeugt: „Das ist für die Gelenke sehr schonend.“ Trotzdem ist es auch anstrengend. „Man kommt da schon ins Schwitzen“, meint sie lächelnd, bevor sie zu der wartenden Gruppe geht.

Erschöpft, aber glücklich ist Gaby Mössle-Daniels jetzt nach dem Ende der Kurs - einheit. Vor dem Parkplatz der Klinik gönnt sie sich auf einer Bank eine kleine Pause in der Abendsonne. Trampolinspringen im kühlen Nass bedeutet nicht nur gesunde Bewegung für sie. Sie tankt gleich auch noch gute Laune dabei. „Sonst würde ich mir die Termine nicht so heilig halten“, sagt sie mit einem Lächeln. Die anfeuernde Musik ist für sie auch ein wichtiges Element von Aqua- Bouncing. „Man kommt einfach in einen Rhythmus“, hat sie an sich selbst beobachtet. Sport im Wasser ist ihr ein wichtiger Ausgleich. Denn langes Stehen oder Sitzen verstärkt ihre Beschwerden. Beruflich sitzt sie jedoch viel im Auto und spult pro Jahr rund 25.000 Kilometer ab. Sie erzählt, wie sie mehrere Monate eine Schulung absolvierte: Eine anderthalbstündige Anfahrt mit dem Auto, gefolgt von sieben Stunden Schulung und schließlich wieder anderthalb Stunden Rückfahrt. Schon bald merkte Gaby Mössle- Daniels, dass das nicht mehr geht. Also nahm sie sich die Freiheit, während der Schulung ihre Beine hochzulegen. „Ganz übel sind für mich Flüge“, berichtet sie. Nach Möglichkeit versucht sie, Flugreisen zu vermeiden.

Trampolinspringen im Wasser trainiert den ganzen Körper. Foto Thomas Warnack
Trampolinspringen im Wasser trainiert den ganzen Körper. Foto Thomas Warnack

Bewegung hilft gegen Ödeme

In zwei Kliniken war Gaby Mössle-Daniels bereits wegen ihrer Ödeme. Inzwischen weiß sie sich zu helfen. „Man muss auf seinen Körper hören“, betont sie. Drei Bausteine seien wichtig: Ernährung, Entspannung und Bewegung. Besonders von der Ernährung hängt ihrer Erfahrung nach viel ab: Verzichtet sie auf tierisches Eiweiß und nimmt gekochtes statt rohes Gemüse zu sich, geht es ihr besser. „Man ist, was man isst, heißt es ja“, bemerkt sie mit einem Lachen. Herausgefunden hat sie im Selbstversuch, welche Lebensmittel ihr guttun und welche nicht. Aber auch das Psychische spielt eine Rolle fürs Wohlbefinden. Fühlt sie sich mal psychisch nicht so gut, spürt sie auch die körper lichen Beschwerden stärker. Gaby Mössle-Daniels macht sich wieder auf den Heimweg.

In ein paar Tagen wird sie wieder ins Hallenbad der Reha-Klinik steigen. Sie weiß: Ohne Bewegung kehren ihre Schmerzen schnell zurück. Doch sie kommt nicht nur deshalb hierher. Denn Sport im Wasser treiben, dazu Musik hören und sich später mit Gleichgesinnten austauschen – das macht Spaß und bereichert ihr Leben.

Zum Autor

Christoph Klawitter lebt als freier Redakteur in Mengen.

 

Aus der mobil-Ausgabe6/2013, Seiten 50-51