Radeln im Wasser

Aquacycling, Foto Bildschön

Vier Gruppen der Rheuma-Liga-Arbeitsgemeinschaft treffen sich jede Woche in Erfurt, um gemeinsam Fahrrad zu fahren – im Wasser. Aquacycling nennt sich diese Sportart, die 1952 erstmals in Wien erwähnt wurde. Christiane Reichelt, Redakteurin der Mitgliederzeitschrift mobil, war bei einer Trainingsstunde dabei.

Strahlender Sonnenschein draußen, tropische Temperaturen hier drinnen, in der Erfurter Schwimmhalle am Nordbad. Die Hauptperson heute ist die 78-jährige Renate Koschorreck. Als sie vor sieben Jahren in der Zeitung las, dass es diese Gruppe geben soll, war sie sofort Feuer und Flamme. Für sie und ihre Freundin war klar: „Da müssen wir dabei sein.“

Die vorige Gruppe hat die Räder schon ins Wasser gelassen, deshalb kann es sofort losgehen. Zu jeder Gruppe gehören zwölf Teilnehmer, so viele Fahrräder gibt es. Eine Teilnehmerin hat heute verzichtet, damit auch ich einmal in diese Sportart reinschnuppern kann.

Übungsleitern Elke Götze steht am Wasserrand und gibt von dort die Kommandos. Jeder sitzt inzwischen auf seinem Fahrrad und beginnt langsam zu treten. Im Gegensatz zu Renate Koschorreck habe ich anfänglich Probleme, den Anweisungen so schnell zu folgen. Außerdem habe ich das Fahrrad zu Beginn nicht richtig auf meine Bedürfnisse eingestellt – Lenker und Pedale sollten jedoch unbedingt an den Fahrer angepasst sein. Ein Muss, genauso wie an Land. Alle anderen folgen routiniert den Kommandos und wechseln wie am Schnürchen und ohne Unterbrechungen von einer Position in die nächste. Langsame Tretphasen wechseln sich mit schnelleren ab, mal wird im Sitzen, mal im Stehen geradelt. Auch Rückwärtsradeln ist angesagt, was die grauen Zellen gleich mittrainiert. Im Hintergrund läuft Musik, Mitsummen oder Mitsingen erhöht den Spaß und motiviert, weiterzuradeln. Konzentrieren muss man sich dennoch auf die Übungen, sonst ist man schnell aus dem Takt.

Die Schmerzen sind vergessen

Renate Koschorreck ist in ihrem Element: „Im Wasser kann ich einfach abschalten, ich spüre meine Schmerzen nicht mehr. Sind sie doch einmal da, mache ich eine Pause.“ Eine ihrer Herzklappen arbeitet nicht mehr richtig und der Spinalkanal der Wirbelsäule bereitet ihr große Probleme. Die 78-Jährige hat auch Trockengymnastik ausprobiert, kam dort jedoch mit ihren gesundheitlichen Problemen nicht klar und hatte hinterher oft mehr Schmerzen. Renate Koschorreck ist in der Rheuma-Liga zu Hause. Sie nutzt viele der Angebote und ist zudem selbst Gruppenleiterin. Erreichbar ist sie für ihre Bekannten erst abends: „Wenn man älter wird, muss man unter Menschen, sonst verblödet man“, ist sie sich sicher.

Gute Kondition ist nötig

Radeln im Wasser ist gewöhnungsbedürftig. Bei der normalen Wassergymnastik wird ein Gelenk nach dem anderen bewegt. Aquacycling hingegen ist ein Ganzkörper- Ausdauertraining. Bei jeder Therapiestunde kommen weitere Geräte, wie Hanteln, Bälle oder Scheiben, zum Einsatz. Heute sind es kleine Scheiben, Aquadiscs genannt. Sie bestehen aus Hartschaumstoff, Daumen und Finger greifen in eine Mulde und dann werden die Arme abwechselnd durchs Wasser gezogen. Währenddessen wird quasi freihändig weitergeradelt – dazu sind eine gute Kondition und eine stabile Sitzposition nötig.

Die Therapieeinheit vergeht wie im Flug. Ganz selbstverständlich rollt jeder nach dem Training sein Fahrrad an den Beckenrand. Gekonnt zieht Elke Götze die 23 Kilogramm schweren Räder nun wieder aus dem Wasser. „Ich bin stolz auf alle, die die 45 Minuten durchhalten. Die Koordination der wechselnden Übungen und Geschwindigkeiten ist nicht einfach. Jeder soll und darf nach seinem Tempo arbeiten. Das Wohlbefinden steht im Vordergrund“, betont die Übungsleiterin. Sie erinnert sich, dass die AG zunächst skeptisch war, als die Sportart vom Landesverband vorgestellt wurde. Heute ist die Nachfrage am Aquacycling groß: Es gibt mehr Interessenten, als Plätze zur Verfügung stehen. Eine weitere Gruppe konnte bisher nicht gegründet werden, da das Schwimmbad nicht mehr Übungszeit anbieten kann.

Zum Abschluss trinke ich mit Renate Koscherrek noch einen Kaffee an der kleinen Bar in der Schwimmhalle. „Alles an der Aquacycling-Therapie macht mir Spaß. Bin ich im Wasser, bin ich einfach glücklich – ich war schon als Kind eine Wasserratte. Fahrradfahren kann ich ja eigentlich gar nicht, ich habe es erst im Wasser gelernt“, erzählt sie mir mit einem Schmunzeln. Und Radeln an Land? Für die 78-Jährige keine Option.

Auch mir hat das Aquacycling sehr viel Spaß gemacht. Etwas ausgepowert fühle ich mich, doch ich kann Renate Koschorreck sehr gut verstehen, wenn sie sagt: „Ich blase alles andere ab, meine Wassertermine sind mir heilig.“

Zur Autorin

mobil-Redakteurin Christiane Reichelt trat begeistert in die Pedale und wünscht sich nun, dass diese Sportart auch an ihrem Wohnort angeboten wird.