„Laufen – weil ich es kann.“

Melanie Braune arbeitet Vollzeit, engagiert sich ehrenamtlich als Forschungspartnerin bei der Rheuma-Liga und trainiert jede Woche beim betrieblichen Lauftreff. Ihr Ziel ist ein zweiter Halbmarathon im Herbst – trotz rheuma toider Arthritis.

Seit einem Jahr trifft sich Melaie Braune mit Kollegen jeden Dienstag zum Lauftreff. Den Spaß am betrieblichen Sportangebot beim TÜV Rheinland hatte sie nur drei Wochen nach ihrem Jobwechsel dorthin entdeckt. Als sie zur Gruppe stieß, wusste niemand von ihrem Rheuma. Deshalb schonte sie auch niemand. Sie erinnert sich: „Das hat gut getan, um reinzukommen. Irgendwann kam das Thema dann mal auf. Aber niemand ist überbesorgt, auch heute nicht.“ Sie lacht: „Alle werden gleich getriezt!“
Heute gehört sie zum harten Kern der TÜV-Laufsparte und unternimmt auch schon mal mit anderen Ehrgeizigen eine Extraschleife. Ein großer Wunsch von ihr ist im Oktober 2016 in Erfüllung gegangen: Sie ist beim „RheinEnergie“-Marathon in Köln mitgelaufen – und hat für 21 Kilometer zwei Stunden und zwölf Minuten gebraucht. Dieses Jahr will sie noch schneller ans Ziel kommen.
Auf dem Weg zum Treffpunkt läuft sie sich warm – sie muss darauf achten, sich nicht zu verkühlen. Ihr Immunsystem – geschwächt durch ein Biologikum – lässt  keine Nachlässigkeit zu. Aufwärmen vor dem Lauf, Dehnen danach und dann ab unter die warme Dusche, das ist Pflichtprogramm für Melanie Braune.
Am Rhein entlang geht es Woche für Woche auf die gemeinsame Laufstrecke von acht bis zehn Kilometern – selbst bei nasskaltem Wetter wie heute. Es ist, als würde die Last des Bürotags mit jedem Schritt ein bisschen mehr von ihnen abfallen. Melanie Braune versucht darauf zu achten, gerade zu laufen. Ansonsten würden ihre Schultern zu schnell schwer werden. Rasch findet sie ihren Rhythmus, scherzt nebenher mit den anderen. Für gute rheinische Stimmung sorgt Trainer Elmar Rymus. Er weiß: „Laufen muss Spaß machen. Das macht es nur, wenn sich niemand in der Gruppe überfordert.“

Gift für die Gelenke

Anfang 2012 stellten Ärzte rheumatoide Arthritis (RA) bei Melanie Braune fest. Da war sie Anfang Dreißig. Ihr Rheumatologe sagte: „Bewegung ist wichtig“, aber auch: „Laufen ist Gift für die Knochen.“ Sie musste ihm versprechen, aufzuhören, wenn es nicht mehr geht. Sie folgte seinem Rat, in wirklich gute Schuhe zu investieren und sich passende orthopädische Einlagen anfertigen zu lassen. Und sie entwickelte ein Gefühl dafür, was ihren Gelenken gut tut.
Melanie Braune klingt entschlossen: „Ich möchte mich von der Krankheit im Moment nicht einschränken lassen. Ich kann damit gut leben.“ Und, was ihr wichtig ist, damit laufen. „Die RA hat sich immer besonders in den Fingern, Händen und Schultern bemerkbar gemacht. Und die beanspruche ich beim Laufen gar nicht so“, erklärt sie.
Was heute möglich ist, genießt sie in vollen Zügen und mit Dankbarkeit. Denn vor vier Jahren sah ihre Welt noch ganz anders aus. Von heute auf morgen konnte sie gar keinen Sport mehr treiben. Sie erlebte Tage, an denen sie kaum aus dem Bett kam, und brachte einige medikamentöse Experimente hinter sich. Seit fast zwei Jahren erhält sie ein Biologikum, seither ist ihre Krankheit stabil.
Melanie Braune verstand wohl die Botschaft ihres Rheumatologen, dass sie zu lernen hatte, mit einer lebenslangen Krankheit umzugehen. Sie verstand sie auf ihre Weise:„Ich habe es mit Yoga und Pilates versucht“, sagt sie lachend. Aber ihre Zehnerkarten für diese Kurse hat sie bis heute nicht aufgebraucht. „Ich brauche etwas, bei dem ich mich nach einer Stunde verausgabt habe, aber gut fühle. Für mich ist wichtig, was mir gut tut, auch wenn es nicht unbedingt den Empfehlungen entspricht.“
Aus eigener Erfahrung weiß Melanie Braune: „Wenn man etwas gefunden hat, was Spaß macht, bleibt man eher dran.“ Mit dem Laufen verbindet sie nur Positives. Ihre Passion begann mit 13 Jahren, als Lauftreffs wie Pilze aus dem Boden schossen und ihre Eltern in der neuen Bewegung aktiv wurden. wurden. In der Studienzeit ging der Sport ihr allerdings fast verloren. Später besann sie sich wieder darauf. So konnte sie ihr Gewicht um 40 Kilogramm reduzieren und heute ein großes Stück gesünder sein. „Ich weiß, wie viel Überwindung es kostet, sich mit viel zu viel Kilos auf der Waage zu bewegen. Es ist schwer, man fühlt sich unwohl. Je besser man aber wird, desto eher macht man es zu einem festen Bestandteil des Alltags. Weil man merkt, wie gut es tut.“

Nicht alles um jeden Preis!

Am Anfang sah Melanie Braune ihre Laufgrenze bei zehn oder 15 Kilometern. Die Laufgruppe weckte ihren Ansporn. Geht noch mehr? Ihr Vater war mit 40 Jahren seinen ersten Marathon gelaufen – kurz bevor er die Diagnose „rheumatoide Arthritis“ erhielt. Die Krankheit zeigt auch Melanie Braune ihre Grenzen auf – mit Knieproblemen nach dem Wettkampf zum Beispiel. „Ich merke, wie Ruhe und Regeneration mit wachsendem Alter wichtiger werden. Ich gönne mir das auch!“
So wird der Marathon nach ihrer Einschätzung ein Traum bleiben. Hat sie doch auch durch den Sport gelernt, auf ihren Körper zu hören: Fühle ich mich noch gut dabei oder kommt der Punkt, an dem es keinen Spaß mehr macht und man sich nur noch quälen muss? Denn das Training für einen Marathon braucht Zeit, Ehrgeiz und Kraft und belastet auch die Gelenke. „Mein Körper sagt: Da ist eine Grenze erreicht.“
Der Halbmarathon in diesem Jahr rückt aber wieder in realistische Nähe – Melanie Braune fühlt sich fit genug dafür. Aber wenn sie es nicht schafft, ist das auch kein Drama: „Dann komme ich an die frische Luft und teile die Freude der Bewegung mit anderen.“ Mitunter beschleicht sie aber auch die Angst vor dem Zeitpunkt, an dem sie das Laufen oder andere Dinge vielleicht nicht mehr machen kann. Mit Sicherheit sei sie auch deshalb viel weniger als früher bereit, etwas aufzuschieben. Das gelte auch für Trainingsziele. Trotzdem: „So lange ich kann, werde ich wohl immer irgendeinen Sport treiben, weil es mich rausbringt und ich nicht so viel darüber nachdenke, wie ich mich fühle. Wenn Laufen nicht mehr geht –dann Walken vielleicht.“

Autorin

Freie Journalistin Ines Nowack