Die Heilkraft der Muskeln

Fahrradfahren im Park, clipdealer

Ein einfaches Mittel hält den Körper länger jung und kraftvoll, steigert das Wohlbefinden, schenkt eine höhere Lebenserwartung und ist obendrein auch noch kostenlos und überall verfügbar: Bewegung. Auch Menschen mit einer rheumatischen Erkrankung können und sollen davon profitieren.

Es ist leider eine Tatsache: Die Deutschen sitzen zu viel und bewegen sich zu wenig. „Rauchen und Bewegungsmangel sind Hauptrisikofaktoren für nicht ansteckende Krankheiten und verursachen fünf Millionen der jährlich 36 Millionen Todesfälle“, weiß Prof. Klaus Pfeifer, der an der Universität Erlangen den Lehrstuhl für Sportwissenschaft mit dem Schwerpunkt Bewegung und Gesundheit innehat. Er hat das neue Bewegungsprogramm „aktiv-hoch-r“ der Rheuma-Liga federführend mit entwickelt. „Bewegungsmangel erhöht das Risiko für Krebserkrankungen, Schlaganfall und Typ-2-Diabetes um 20 bis 30 Prozent und reduziert die Lebensspanne um drei bis fünf Jahre“, betont er.

Mehr Bewegung hilft

Trotzdem fällt es den meisten Menschen schwer, sich aufzuraffen. Selbst von den gesunden Deutschen erreichen nur knapp 40 Prozent die geforderten 150 Minuten. Noch schlechter ist es um chronisch Kranke bestellt: Nur etwa die Hälfte aller Menschen mit Arthrose und nur ein knappes Viertel der Betroffenen mit rheumatoider Arthritis sind ausreichend körperlich aktiv.Dabei senkt regelmäßige moderatintensive oder noch anstrengendere Bewegung die Körperfettmasse, lässt die Muskelmasse wachsen, stählt die Körperkraft, verbessert die Funktion der Innenauskleidung der Blutgefäße und macht sie weniger anfällig für Verschlüsse, wie sie bei Embolien, Herzinfarkt oder Schlaganfall auftreten. Regelmäßige Bewegung senkt zu hohen Bluthochdruck, kräftigt das Herz und lässt es langsamer und kraftvoller schlagen. Auch die Blutfettwerte verbessern sich. Wer körperlich regelmäßig aktiv ist, gibt laut Studien seltener an, unter Stress zu leiden. Sport kann zudem Depressionen und Angststörungen lindern und solchen psychischen Leiden teilweise sogar vor beugen. Konzentrations- und Merk fähigkeit erhöhen sich bei bewegungsaktiven Menschen, auch Wohlbefinden und Psyche profitieren. Selbst Demenz tritt seltener auf. Kurzum: Regelmäßige körperliche Bewegung scheint ein Allheilmittel für viele Krankheiten zu sein.

Die Botschaft der Muskeln

Runter also vom Sofa und rauf aufs Rad. Dann nämlich produzieren unsere Muskeln Botenstoffe, die dänische Forscher um Bente Pedersen erst 2007 entdeckten. Mittlerweile wissen wir, dass Muskelzellen in Bewegung rund 300 solcher Substanzen bilden. Sie heißen Myokine, von Griechisch „Mys“ für Muskel und „Kinema“ für Bewegung. Damit sind Muskeln das größte Stoffwechselorgan des menschlichen Körpers. Interleukin-6 war das erste Myokin, das die Forscher entdeckten. Es spielt eine wichtige Rolle im Immunsystem und bei Entzündungen. Längst wissen Mediziner, dass Interleukin-6 unter anderem den Zuckerstoffwechsel verbessert und Typ-2-Diabetes ausbremsen kann. Mittlerweile haben Forscher weitere Myokine dingfest gemacht – und dabei Stoffe gefunden, die das Wachstum von Blutgefäßen anregen, den Blutdruck senken oder den Fettabbau ankurbeln. Vermutlich sind Myokine auch dafür verantwortlich, dass regelmäßiger Sport das Brust- und Darmkrebsrisiko um 25 bis 30 Prozent senkt.

Bewegungsmangel macht schwach

Medikamente gegen den krankhaften Knochenschwund können nur wirken, wenn gleichzeitig Zug und Druck auf die Knochen ausgeübt werden, also die Betroffenen angemessen Sport treiben. „Das ist ein Punkt in der Osteoporosetherapie, der noch viel zu wenig beachtet wird“, betont der Präventions- und Rehabilitationsmediziner Prof. Martin Halle von der Technischen Universität München. Insgesamt tragen Myokine zu einem anti-entzündlichen Milieu im Körper bei. Am wichtigsten ist dabei das Training der Oberschenkelmuskeln, betont der Münchner Experte: „Als größte Muskeln setzen sie am meisten Myokine frei.“

Laut Studien verfügen Betroffene mit einer rheumatoiden Arthritis durchschnittlich nur 30 bis 75 Prozent der Muskelkraft von gesunden Menschen. Das liegt vermutlich zum Teil an der chronischen Entzündung, aber auch am Bewegungsmangel. In Fitness-Tests schneiden Betroffene meist 20 bis 30 Prozent schlechter ab als der Durchschnitt. Gleichzeitig steigt für sie das Risiko um 50 bis 60 Prozent, an einem Herz-Kreislauf-Leiden zu versterben. Mediziner wissen mittlerweile, dass bei rheumatoider Arthritis zu viel des Botenstoffs TNF-alpha im Körper kursiert, was unter anderem zu einer geringeren Muskelkraft führt. Körperliche Aktivität kann die Ausschüttung von TNF-alpha reduzieren. Ohne Bewegung hingegen geraten Betroffene in einen Teufelskreis: Weil die Gelenke schmerzen und entzündet sind, bewegen sie sich noch weniger, weshalb die TNF-alpha-Menge im Blut weiter ansteigt – und Entzündungen und Schmerzen weiter befeuert. Das erhöhte Level von Entzündungsstoffen im Blut trägt mit dazu bei, dass Betroffene anfälliger sind für Gefäßverkalkung, Störungen des Zucker- und Fettstoffwechsels sowie weitere Abnahme der Muskelmasse. Der Bewegungsmangel begünstigt wiederum, dass sich Fettpolster am Bauch und zwischen den Organen anlagern, was die Entzündungen zusätzlich anheizt. Andersherum überschwemmt jede Sporteinheit dank Myokinen den Körper geradezu mit entzündungshemmenden Botenstoffen. Insgesamt führt dies zu positiven Reaktionen im Körper.

Keine Angst vor Bewegung!

Doch immer noch haben viele Betroffene Angst, sich zu bewegen. Tatsächlich sollten chronisch kranke Menschen am Anfang unter Aufsicht trainieren. Doch schaden kann der Sport ihnen nicht, haben Bente Pedersen und ihr mittlerweile verstorbener Kollege Bengt Saltin aus Kopenhagen herausgefunden. Das dänische Forscherteam fasste vorliegende Studien zusammen und kam 2015 zu positiven Schlussfolgerungen: Bei Betroffenen mit rheumatoider Arthritis, die regelmäßig Sport trieben, blieb die Zahl der entzündeten Gelenke gleich oder sank sogar. Die radiologische Gelenkzerstörung reduzierte sich oder schritt zumindest nicht weiter fort. Auch die Krankheitsaktivität blieb gleich oder sank sogar. Das galt auch für Entzündungsmarker wie CRP-Wert und Blutsenkungsgeschwindigkeit. Um in den Genuss all dieser gesundheitsfördernden Effekte zu kommen, braucht man nicht zum Leistungssportler zu avancieren: „Selbst wer nur 15 Minuten am Tag sportlich aktiv ist, hat statistisch betrachtet eine um drei Jahre höhere Lebenserwartung als Menschen, die sich gar nicht bewegen“, betont Klaus Pfeifer. Auch Prof. Martin Halle ist sich sicher: „Man ist nie zu krank für ein Bewegungsprogramm oder eine Sporttherapie – man muss das Programm nur anpassen“, betont er. „Es ist wichtig, kleine Schritte zu gehen. Man kann zum Beispiel mit fünf Minuten täglich anfangen“, rät Prof. Halle. „Nach einiger Zeit kann man sich steigern und weitere Übungen ergänzen.“ Selbst wenn es am Anfang Überwindung kostet – wer durchhält, wird belohnt: „Nach etwa sechs Wochen sagen die meisten Menschen, dass das Programm zu ihrem Alltag gehört.

Zur Autorin

Julia Bidder ist Chefredakteurin der Mitgliederzeitschrift mobil.

 

Hilfe vom Sport- und Rehamediziner

Gut zu wissen

Beim Haus- oder Facharzt reicht die Zeit oft nicht aus, um sich ausführlich über ein angepasstes Sporttherapieprogramm zu unterhalten. Der Hausarzt kann Betroffene zum Sport- oder Rehabilitationsmediziner überweisen, der ausführlich beraten kann.