Mit Rheuma auf Rollen

Die Teilnehmer der Blade Night rauschen am Siegestor vorbei. Foto rheuma-Liga

Im Sommer gehört der Montagabend in München den Inlineskatern: Bis zu 8.000 Blader erobern die Straßen. Eine von ihnen ist Lea (Name geändert). Die 26-jährige Master-Studentin mit rheumatoider Arthritis genießt die rollende Bewegung.

München, Montagabend, 21 Uhr: Autos müssen warten, in der bayerischen Landeshauptstadt haben in den nächsten Stunden die Inlineskater Vorfahrt. Seit 15 Jahren findet in München von Mai bis einschließlich September bei gutem Wetter an jedem Montag die „AOK Blade Night“ statt, die größte Nacht-Skate-Veranstaltung Europas. Die Polizei sperrt für zwei Stunden die Straßen ab, auf denen nur noch die Inlineskater und Long boarder fahren dürfen.

Mindestens 130 Helfer, ebenfalls auf Inlinern unterwegs, sorgen dafür, dass die Teilnehmer sicher und möglichst unverletzt durch die Münchner Innenstadt rollen. Insgesamt vier Strecken werden im Wechsel befahren – je nachdem, wie viele Helfer anwesend sind, wird entweder eine kleine Runde (etwa 13,5 Kilometer) oder eine große Runde (etwa 17,5 Kilometer) gefahren.

Stadtrundfahrt auf acht Rollen

Los geht’s auf dem Platz vor dem Verkehrszentrum des Deutschen Museums bei der Theresienwiese, wo auch das berühmte Oktoberfest stattfindet. Mit dabei rollt auch Lea. Die lauen Sommernächte auf Inlineskates möchte sie nicht missen. Mit sechs Jahren stand sie zum ersten Mal auf Rollerblades, mit acht Jahren zum ersten Mal auf Inlineskates. „Damals war ich noch nicht erkrankt“, erinnert sich die heute 26-Jährige. Nach so vielen Jahren ist es für sie ein Kinderspiel, das Gleichgewicht auf den schmalen Rollen zu halten: Ihre Knie sind leicht gebeugt, ebenso ist ihr Oberkörper leicht nach vorn geneigt. Muss sie bremsen, geht sie noch tiefer in die Knie und beugt ihren Oberkörper weiter nach vorn. Gleichzeitig presst sie langsam und mit viel Gefühl die Gummistopper hinten an den Skates auf den Boden. „Wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, sollte man nicht zu plötzlich bremsen“, rät die lebenslustige Studentin, die gerade ihr Studium im Bereich Biotechnologie abschließt. Lea schwört auf Gummistopper, die sich auf Asphalt nicht so schnell abnutzen wie Bremsen aus Plastik und zudem schnellere Stopps ermöglichen.

Bei flottem Tempo, Musik und guter Laune rollen die Teilnehmer vorbei an der Isar, Schwabing, Olympiapark oder Sehenswürdigkeiten wie dem Nymphenburger Schloss. Hat Lea keine Angst vor Stürzen? „Klar bin ich schon mal hingefallen – ich kann gar nicht zählen, wie oft ich als Kind gestürzt bin“, sagt die Münchnerin mit einem Lächeln. „Zum Glück habe ich keine künstlichen Gelenke. Trotzdem schütze ich mich mit allen möglichen Schonern an Händen, Knie und Ellenbogen.“ Als Skaterin mit Köpfchen fährt sie zudem nur mit Helm. „Außerdem meide ich Gefahrensituationen, wie Splitt auf der Fahrbahn oder unebene Wege. Und man muss natürlich auch die Geschwindigkeit der Situation und dem Verkehr anpassen, damit man immer noch schnell genug bremsen und ausweichen kann.“

Bewegung zum Ausgleich

Nach gut 90 Minuten Blade-Night-Fahren kommt Lea wie viele Teilnehmer ins Schwitzen. „Von der Anstrengung her liegt es je nach Tempo zwischen Joggen und Fahrradfahren“, berichtet sie. Neben der Blade Night fährt sie mindestens ein- bis zweimal monatlich Inlineskates – bis in den Winter hinein, so lange es nicht friert. Allerdings darf kein Rollsplitt liegen, denn auf dem können Inlineskater nicht gut fahren. „Ich fahre nur aus Spaß, irgendwo im ruhigen Wohnviertel oder auf dem Bürgersteig in der Stadt.“ Nur bei Regen ist ihr Inlineskaten zu un sicher: Die Rutschgefahr erhöht sich. Auch die Blade Night fällt bei Regen ins Wasser – Pech für die Tausende Inlinefans, zu denen sowohl Kinder als auch ältere Menschen zählen. Die meisten sind jedoch zwischen 20 und 40.

Lea studiert Molekulare Biotechnologie an der Technischen Universität München. Nach dem Abschluss möchte sie in der bayerischen Landeshauptstadt eine Promotion anschließen. Bewegung ist ein wichtiger Ausgleich für ihre Tätigkeit an der Uni. „Ab und zu spiele ich Tischtennis, gehe Joggen oder fahre Rad, im Winter auch Snowboard“, berichtet sie. Seit sie vor vier Jahren an rheumatoider Arthritis erkrankte, ist sie beim Inlineskaten vorsichtiger geworden: „Ich achte mehr auf Schoner, damit beim Aufprall die Erschütterung in den Gelenken möglichst gering ist. Außerdem nehme ich mir nicht mehr so lange Strecken vor, damit ich keine Probleme im linken Knie bekomme.“

Eigene Grenzen achten

Seit 2012 ist die Studentin Ansprechpartnerin und Organisatorin der Jungen Rheumatiker in München. „Als Rheumakranke ist Inlinerfahren natürlich nicht ganz unbedenklich, da eine große Belastung vor allem auf den Sprunggelenken, den Knien und der Hüfte lastet“, weiß sie. Wer stürzt, riskiert noch stärkere Belastungen auf Hand- und Ellenbogengelenken. „Gerade in so einer großen Gruppe wie bei der Blade Night will kaum einer eingestehen, dass knapp 20 Kilometer vielleicht zu viel sind und man nach der Hälfte besser aufhören sollte, zumal es so viel Spaß macht. Doch man sollte auf seinen Körper hören und wissen, wie viel gut und wie viel schon zu viel ist. Auch ich muss mich im wahrsten Sinne des Wortes bremsen, wenn es zu viel wird.“

Am Inlineskaten schätzt sie besonders die Bewegung an der frischen Luft und die Möglichkeit, gleichzeitig die Stadt oder die Natur zu erkunden. „Man muss auch nicht weit fahren oder lange im Voraus planen, um Inliner zu fahren. Man kann sich einfach spontan die Inliner schnappen und schon vor der Haustür loslegen – egal, ob alleine oder in der Gruppe“, schwärmt die Studentin. „Wer eine gute Schutzausrüstung besitzt und nicht zu starke Einschränkungen in den Gelenken hat, kann Inlineskating einfach mal ausprobieren. Wer schon in der Kindheit Rollschuh oder Schlittschuh gelaufen ist, hat vielleicht dadurch noch das Gefühl für die Balance“, rät sie. „Mit einem alten Paar Inliner, das sich vielleicht in Keller oder Garage findet, kann man es ja versuchen. Und wer sich fit genug fühlt, kann auch mal an so einer großen Blade-Veranstaltung teilnehmen.

Das ist noch mal etwas ganz anderes, als alleine zu fahren.“ Für Lea steht jedoch fest, dass sie auch in diesem Sommer so oft wie möglich an der Blade Night teilnehmen möchte. „Man fährt mit Tausenden anderen Bürgern der Stadt entlang der Hauptverkehrsstraßen Münchens. Da kommt ein tolles Gemeinschaftsgefühl auf. Außerdem kann man an einem lauen Sommerabend die Stadt aus einer ganz anderen Perspektive betrachten – ohne Hektik und Stadtverkehr!“