Stramme Schritte in den Tag

Frau Winter auf dem Sessel im Wohnzimmer

Ingrid Winter beginnt jeden Morgen mit ihrer speziellen Form des Walkings in der erwachenden Natur. „Wege zeigen sich nicht auf, wenn man auf der Stelle stehen bleibt“, sagt sie. mobil besuchte sie in der Ostalb.

Schon um vier Uhr in der Früh beginnen die Tage der 59-jährigen Ingrid Winter. Bei einer gemütlichen Tasse Kaffee und dem guten Nachtprogramm im Radio sowie mit ihrem Tagebuch. In dem notiert sie alles Wichtige und, wie sie sagt, auch Unwichtige ihres Alltags: Hier ist ihre befriedigende Arbeit als freiberufliche Nachhilfelehrerin beim Studienkreis dokumentiert, ihre vielen Hobbys wie Schneidern, Stricken, Lesen und Gedankenarbeit für ihre liebevoll gestylte Wohnung, aber auch ihre Einkäufe oder die gemeinsamen Planungen für das traditionelle Wochenendessen mit ihren beiden Kindern und Enkeln. Häufige Einträge gibt es ebenso über ihr Ehrenamt in der regionalen Rheuma-Liga- Selbsthilfegruppe für seltene rheumatische Erkrankungen oder als Landessprecherin für Vaskulitiden/Kollagenosen in Baden-Württemberg.

Bei jedem Wetter raus

Anderthalb Stunden später macht sie sich dann auf den Weg in ihren Tag vor dem Tag, direkt in den sichtbaren oder unsichtbaren Sonnenaufgang hinein. Durch Wiesen und Felder, die sich nur wenige Hundert Meter von ihrer kleinen gemütlichen Zwei-Zimmer-Wohnung entfernt an den sanften Hügeln der Ostalb entlang ausbreiten, dann durch die Wälder und wieder zurück mit dem schönen Blick auf die erwachende Stadt. Bei Sonne, Wind und Regen. Sogar Glatteis kann sie nicht abhalten. Ihre gelenkschonenden, weich gefederten Laufschuhe kann sie für diese Fälle vor Ort problemlos mit kleinen Spike- Nägeln nachrüsten, um sicher auf ihrem Weg weiterlaufen zu können. Nur bei Morgengewitter traue sie sich nicht auf ihre Runde, sagt sie.
Strammen Schritts geht Ingrid Winter etwa zehn Kilometer und schafft sie so in einer Stunde und dreißig Minuten. Und das sieben Tage die Woche. Hinter sich lässt sie im Jahr über 3.600 Kilometer und ein Paar gute Schuhe, wenn sie an Form und Halt verlieren.

Die studierte Realschullehrerin mit dem Hauptfach Mathematik interessiert sich aber für solcherlei Zahlen ihres sportlichen Engagements ganz und gar nicht, ihre Kinder hatten einmal im Internet ihre tägliche Strecke nachgerechnet. Sie geht, weil es ihr guttut, und so, wie es ihr guttut. Diese Freiheit nimmt sie sich seit 18 Jahren.

Gelebte Lebenslektion

Walking - 10 km täglich

Sie entschied sich dafür in einer Zeit, als die Ärzte bei der Mutter zweier Kinder einen systemischen Lupus erythematodes und Hashimoto-Syndrom diagnostizieren mussten. Mehr als 20 Jahre zuvor hatte sich die Erkrankung zwar schon einmal gemeldet, aber die eigenartigen Darmgeschichten sowie Symptome wie wahnsinniger Hunger und Gewichtsabnahme konnten noch nicht zugeordnet werden. Dann wurde es auch irgendwie besser, nur unspezifisches Fieber und Gelenkprobleme traten häufiger auf. Nach Abitur, Studium und Heirat kamen erst ihr Sohn, dann ihre Tochter und vor 18 Jahren ein weiterer Krankheitsschub, der ihr gesamtes Leben verändern sollte. Plötzlich konnte sie weder sehen, noch hören oder etwas spüren. Das machte die Diagnose eindeutig, sagt Ingrid Winter kurz und knapp. Nun konnte aber auch medizinisch entsprechend behandelt werden. Die extremen Beeinträchtigungen von Funktionen des zentralen Nervensystems besserten sich unter der Therapie langsam wieder.

Verloren blieb ihr auf Dauer die Fähigkeit, räumlich sehen zu können und ein normal weites Gesichtsfeld. Sie musste anschließend auf das Autofahren verzichten, und, was noch schmerzhafter war, auch auf das geliebte Fahrrad.

Als in der Folge des dramatischen Verlaufs der Erkrankung ihre Ehe zerbrach, kam auf sie als nunmehr Alleinerziehende zweier pubertierender Kinder eine große Aufgabe zu. Aus Angst, dass ihrer Mutter etwas passieren könnte, hatten diese sich immer weiter von Aktivitäten und Freunden zurückgezogen, ja, selbst in die Schule wollten sie zeitweise nicht mehr gehen. „Ich wollte ihnen zeigen, dass ich sehr wohl gut weiterleben und für mich selbst die Verantwortung übernehmen konnte und musste.“ Die Mutter entschied also: „Wenn ihr nicht rausgeht, dann gehe ich raus.“ Sie ging zur Rheuma-Liga und übernahm dort gleich ein Ehrenamt. Die gelebte Lebenslektion kam bei ihren beiden Teenagern an. Bestärkt hatte sie in dieser Zeit auch eine Begegnung mit zwei Unbekannten beim Arzt. Ein jüngerer Mann schob eine Frau, die seine Großmutter hätte sein können, im Rollstuhl in die Praxis. Es stellte sich heraus, dass sie Zwillinge waren – Roma-Angehörige, die beide viele Jahre hatten im KZ zubringen müssen. Die Frau war daran sichtbar zerbrochen, der Mann offenbar gewachsen. Schlagartig wurde Ingrid Winter etwas klar: „Ich kann mich entscheiden, was die Diagnose mit mir macht. Ich kann sie zwar nicht ändern, aber sich krank zu fühlen oder gar unglücklich damit zu sein, ist eine Sache, die im Kopf entschieden wird.“ Im Klartext hieß das für sie damals: „Wenn ich meine täglichen Wege wie Einkaufen nicht mehr fahrend erledigen kann, dann eben zu Fuß.“

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