02.03.2017

Bewegung hilft besser als Schonhaltung

Interview mit Prof. Dr. Erika Gromnica-Ihle, Präsidentin der Deutschen Rheuma-Liga, zum medizinischen Hintergrund der Kampagne.

Was bedeutet "Aktiv gegen Rheumaschmerz"?

Viele Rheumatiker leiden, obwohl sie mit guten Medikamenten die Krankheitsaktivität zurückgedrängt haben. Schmerz, Müdigkeit, Schlafstörungen oder Depressionen können trotzdem noch vorhanden sein.

Mit der Aktion „Aktiv gegen Rheumaschmerz“ wollen wir sie unterstützen, ihre körperliche Belastbarkeit und ihre Leistungsfähigkeit zu erhöhen. Wir wollen sie zu aktiven körperlichen Lebensstilen hinführen. Vielleicht auch mit dem Ziel der Wiederaufnahme von Berufstätigkeit und ihren Alltags- und sozialen Aktivitäten.

Bringt körperliche Aktivität Vorteile für Rheumatiker

Ja, das kann ich nur bestätigen. Ein aktiver Lebensstil bringt Freude: Die Patienten sind durch das Training ihrer Muskulatur körperlich belastbarer, sie werden leistungsfähiger, ihre gesamte Funktion wird besser. Sie bekommen einfach wieder mehr Bewegungskompetenz und haben ein aktiveres Leben. Das führt dann dazu, dass auch ihre Teilhabe am sozialen Leben besser ist - und das wollen wir ja mit unserer Aktion erreichen.

Was sagt die medizinische Forschung dazu?

Es gab ja einen ganz starken Wandel in der Bewegungstherapie bei Rheumatikern. Vor Jahrzehnten haben wir gesagt, „Der entzündliche Rheumatiker gehört ins Bett, keine Bewegung!“. Das war – aus heutiger Sicht – ganz schlecht. Die Rheuma-Liga sagt schon immer: „Rheuma braucht Bewegung."

Diese Erkenntnis ist medizinisch geprüft. Es gibt gute klinische Untersuchungen, die belegen, dass eine Trainingstherapie selbst bei entzündlichem Rheuma sehr positive Effekte hat. Wenn Sie also eine mäßige Beeinträchtigung haben und während eines stabilen Verlaufs ihrer Krankheit eine Bewegungstherapie machen, so gilt diese Therapie als optimal. Sie verbessert die Muskelfunktion, die Beweglichkeit, Ihre Ausdauer. Natürlich muss die Bewegung, zumindest im Anfang, unter fachkundiger Anleitung stattfinden.

Was waren die Gründe für die Kampagne der Rheuma-Liga?

Unsere neue Kampagne „Aktiv gegen Rheumaschmerz“ bringt noch mal eine neue Qualität: Wir betonen hier, dass die Muskulatur richtig trainiert werden muss. Denn ein trainierter Muskel hilft auch dem kranken Gelenk viel besser. Wir sprechen dabei nicht nur die entzündlichen Rheumatiker an. Gerade bei der Arthrose, bei Verschleiß und Knorpelabbau in den Gelenken ist ein starker Muskel, der das Gelenk bewegt und stützt, ganz wichtig. Auch für Osteoporose- und Fibromyalgie- Betroffene ist Bewegungstherapie eine ganz wichtige Behandlungssäule.

An wen richtet sich die Kampagne?

Wir wollen die Betroffenen aller Erkrankungsformen ansprechen, die bislang noch zu wenig für sich tun: Runter vom Sofa! Rheuma braucht Bewegung! Das ist unsere Botschaft gerade an die Ängstlichen und Resignierten.

Rheumapatienten müssen gut medikamentös behandelt werden, das geht heute viel besser als früher. Aber trotzdem bleibt ein großer Anteil mit sehr viel Schmerzen, Müdigkeit und anderen Begleiterscheinungen.

Auch diese Gruppe kann von mehr körperlicher Aktivität profitieren. Hinzu kommt noch: 75 % der Patienten mit rheumatoider Arthritis haben Begleiterkrankungen. Durch den Schmerz wird die körperliche Aktivität eingeschränkt. Übergewicht kann die Folge sein. Das ist ein Teufelskreis. Gerade dann ist es besonders wichtig, in Bewegung zu kommen.

Richtet sich die Aktion nur an Jüngere?

Wir legen großen Wert darauf, dass sich unsere Kampagne an Menschen mit Rheuma jeder Altersgruppe richtet, ältere Menschen gehören natürlich dazu. Auch ein alter Muskel kann trainiert werden – mit den gleichen positiven Effekten für die Lebensqualität, wie bei jungen Menschen.

Auf was müssen Rheumatiker bei sportlicher Aktivität achten?

Es ist ganz entscheidend, dass der Kranke eine Betätigung findet, die für seine persönliche Verfassung angemessen ist.

Wenn er als entzündlicher Rheumatiker ins Fitnessstudio geht und ohne Anleitung an irgendwelchen Geräten übt, an denen er vielleicht auch noch falsch sitzt, dann ist das problematisch. Eine aktive Bewegungstherapie muss am Beginn erst einmal durch erfahrene Übungsleiter unterstützt werden.

Natürlich braucht er keinen Übungsleiter, wenn er sich etwa entschließt, einen zügigen Spaziergang zu machen. Und das wäre ja für viele auch schon gut!

Wie kann ich mögliche Risiken eindämmen?

Unsere Kampagne „Aktiv gegen den Rheumaschmerz“ soll nicht bedeuten, dass nun jeder Rheumakranke ohne Anleitung loslegt. In einer starken Schubsituation verbietet sich natürlich ein Muskeltraining. Aber der Schub wird ja behandelt und klingt ab, und in den ruhigen Intervallen ist die Bewegungstherapie besonders wichtig.

Wenn man z. B. Bewegungsgruppen in der Deutschen Rheuma-Liga nutzt, dann ist man auf der sicheren Seite. Da gibt es ausgebildete Übungsleiter und Physiotherapeuten, die auf die besonderen Belange des einzelnen Rheumatikers Rücksicht nehmen. Wir sprechen hier nicht von Leistungs- oder Risikosport, sondern von einer moderaten Bewegungstherapie, die das individuelle Leistungsspektrum berücksichtigt.

Wie werde ich aktiv?

Aktivität beginnt im Alltag. Es ist schon ein Fortschritt, wenn man öfter mal die Treppen steigt, statt den Aufzug zu benutzen. Was sportliche Aktivitäten angeht, so ist es bestimmt sinnvoll, zusammen mit Gleichgesinnten zu trainieren. Das ist nicht nur geselliger, sondern hilft auch, kontinuierlich am Ball zu bleiben. Dazu wendet man sich am besten an eine Gruppe oder eine Arbeitsgemeinschaft in Heimatort oder in der Umgebung. Die Auskünfte darüber erhalten Sie z. B. über die Hotline der Rheuma-Liga oder über das Internet.

Sind Bewegungsangebote mit Kosten verbunden?

Die vom Arzt verordnete Physiotherapie reicht bei chronisch Kranken oft nicht aus. Sie brauchen ihr ganzes Leben lang Bewegungstherapie. Hier hilft die Rheuma-Liga mit Funktionstraining. Das Funktionstraining ist nach Bescheinigung durch den Arzt und nach Genehmigung durch die Kassen für die Betroffenen kostenfrei. Die Rheuma-Liga hat aber noch viele weitere Bewegungsangebote für ihre Mitglieder. Durch die Kampagne wollen wir diese Angebote erweitern und einem größeren Publikum bekannt machen.