Oben auf dem Vulkan

Seit einem Island-Urlaub sind mein Mann und ich mit dem Vulkanvirus infiziert. Doch da ich seit etwa fĂŒnfzehn Jahren unter rheumatoider Arthritis leide und zudem Asthmatikerin bin, hatten wir uns bisher mit leicht erreichbaren vulkanischen Erscheinungen begnĂŒgt. Schließlich ist es nicht unbedingt ein VergnĂŒgen, sich mit schmerzenden Gelenken hohe Berge hinaufzuquĂ€len. Zum Wandern muss ich mich mit speziellen Schuheinlagen und starren Handgelenksorthesen ausrĂŒsten, um mich mit den Wanderstöcken abstĂŒtzen zu können.

Dann nahte der 60. Geburtstag meines Mannes. Er trĂ€umte seit einiger Zeit davon, zum Stromboli zu reisen, dem fast stĂ€ndig aktiven Vulkan auf der gleichnamigen Insel in Sizilien. Und natĂŒrlich war ich ebenfalls Feuer und Flamme. Allerdings wollten wir den Stromboli nicht bloß bei einer nĂ€chtlichen Bootstour von unten bewundern, sondern so weit wie möglich hinaufwandern, um den Kratern richtig nahezukommen. Um den Schwefel zu riechen und das Donnern der Eruptionen zu hören. Bis zum Gipfel auf 924 Metern Höhe darf man allerdings nur mit BergfĂŒhrer aufsteigen und im Internet konnte ich lesen, dass die Guides ihre Gruppen in etwa zwei Stunden und vierzig Minuten auf den Berg bringen. FĂŒr gesunde Menschen sicher kein Problem, bei mir jedoch schrillte sofort die innere Panikglocke. 900 Höhenmeter aufsteigen, noch dazu mit einer engen Zeitvorgabe? Aufgrund meines Asthmas muss ich auf steilen Wegen oft Zwangspausen einlegen, aber das wĂŒrde bei dieser Tour wohl nicht möglich sein. Und doch 
 die Hoffnung, den Feuerberg zu bezwingen, nistete sich mehr und mehr in meinem Gehirn ein.

Steppen dreimal pro Woche

Im Januar 2014 stand fest, dass unsere Sizilienreise Ende Mai stattfinden wĂŒrde. Zum gleichen Zeitpunkt begann ich zu trainieren. ZunĂ€chst versuchte ich es mit Radfahren, doch mein Asthma kam mir immer wieder in die Quere. Deshalb ging ich dazu ĂŒber, auf einem Mini-Trampolin im Keller zu joggen. Das belastete meine schmerzenden Gelenke nicht allzu sehr, allerdings hatte ich nicht den Eindruck, merklich fitter zu werden. Zudem langweilte mich das einförmige Training unsĂ€glich. Einen Monat spĂ€ter kaufte ich aus reiner Verzweiflung ein billiges Steppbrett. Aufgrund der Probleme mit meinen FĂŒĂŸen beschrĂ€nkte ich mich auf einfachste Übungen. Hinaufsteigen und gleich wieder hinunter, schwungvoll und möglichst schnell, jeweils eine halbe Stunde lang. Dreimal pro Woche. Die Schmerzen in den FĂŒĂŸen waren stĂ€rker als beim Radfahren oder Trampolintraining, aber ich versuchte, sie zu ignorieren. ZusĂ€tzlich probierte ich verschiedene Sportschuhe durch und ließ mir besonders weiche orthopĂ€dische Einlagen anfertigen. Trotzdem konnte ich an manchen Tagen nur humpeln und musste die geplante Trainingseinheit ausfallen lassen.

Dennoch hatte ich mit dem Steppen endlich eine Sportart gefunden, die mir gefiel. Das Kunststoffbrett war nicht schwer und ließ sich problemlos vor dem Fernseher aufstellen. Ich trainierte immer dann, wenn eine Sendung lief, die mich zu fesseln vermochte. Damit konnte ich die Schmerzen leichter ertragen.

Lange Zeit wagte ich kaum, anderen von meinem Traum zu erzĂ€hlen. Als ich es endlich tat, musste ich ein paar negative Reaktionen wegstecken, nach dem Motto: „Willst du deine Gesundheit komplett ruinieren?“. Andererseits erhielt ich aber auch viel Zuspruch und von meinem Bruder, einem ehemaligen Triathleten, wertvolle Tipps fĂŒr mein Training. Zum Beispiel riet er mir, mit Rucksack zu steppen, da ich auf den Bergen Siziliens mit vier bis fĂŒnf Kilogramm GepĂ€ck auf dem RĂŒcken unterwegs sein wĂŒrde. Und dafĂŒr SchultergĂŒrtel und Nacken krĂ€ftigen sollte. Also belud ich meinen Wanderrucksack mit mehreren Wasserflaschen und trainierte fortan mit dieser Last auf dem RĂŒcken. Zu meiner Freude stellte ich schon bald fest, dass mir das zusĂ€tzliche Gewicht wenig ausmachte.

Wanderung auf Probe

Um herauszufinden, ob die Schinderei wenigstens fruchtete, suchten mein Mann und ich ab April nach einem Testberg in den nahen Alpen. Da die Probewanderung spĂ€testens Anfang Mai stattfinden musste, durfte der Berg nicht zu hoch sein, sonst wĂŒrde oben noch Schnee liegen. Andererseits sollte er einen Anstieg von 700 bis 900 Höhenmetern bieten. Schließlich entschieden wir uns fĂŒr die „Steinerne Agnes“ im Lattengebirge. Vom Parkplatz aus wĂŒrden wir circa 750 Meter steigen mĂŒssen. Abgesehen davon, dass es in Sizilien sicher wĂ€rmer sein wĂŒrde, hĂ€tten wir also eine mit der Stromboli-Besteigung vergleichbare Wanderung.

Kurz vor dem Testtag kam es zu einem Wettersturz. Statt wie erwartet bei lauer FrĂŒhlingsluft starteten wir bei Schneeregen und eisigem Wind. Je höher wir stiegen, desto rutschiger wurden die Wege, aber ich kĂ€mpfte mich verbissen und mit möglichst wenigen Pausen voran. Selbst als ich ausrutschte und in einem flachen Bach landete, gab ich nicht auf. Als wir endlich den Gipfel erreichten, zitterten mir die Knie wie nie zuvor. Aber immerhin: Wir waren oben und lagen nur wenig ĂŒber der anvisierten Zeit!

Danach konnte ich tagelang kaum gehen. Treppensteigen war mit den heftigen Oberschenkelschmerzen fast unmöglich und meine FĂŒĂŸe schmerzten wie irre 
 Aber vielleicht war unser sizilianischer Traumberg doch nicht unbezwingbar?

Insel der TrÀume

Am 25. Mai brachen wir Richtung Sizilien auf und vier Tage spĂ€ter saßen wir im TragflĂŒgelboot von Milazzo zur Insel Vulcano, auf der uns der erste sizilianische Feuerberg erwartete. Nur 391 Höhenmeter bis zum Gipfel – warum erschien mir der Berg trotzdem so hoch? Vielleicht, weil mir auf dem Schiff so speiĂŒbel gewesen war? Mein Mann kaufte mir eine Cola, die meinen aufgebrachten Magen beruhigte. Trotzdem fĂŒhlten sich meine Beine zumindest auf den ersten 100 Höhenmetern an, wie aus Pudding. Der Blick in die Umgebung lenkte mich ab: Vor dem Hintergrund des tiefblauen Meers blĂŒhten auf der frucht baren Vulkanerde ĂŒberall riesige GinsterbĂŒsche in sonnigem Gelb – ein traumhaftes Bild, an dem wir uns kaum sattsehen konnten. Weiter oben dann kahle rötliche Steine und der berĂŒhmte Wind der Äolischen Inseln.

Meine Beine hatten sich inzwischen in Muskeln und Knochen zurĂŒckverwandelt und ich war ĂŒberrascht, wie schnell wir den Kraterrand erreichten. Hier konnten wir nun die ersten vulkanischen Erscheinungen bewundern: Fumarolen und gelbe Schwefelfelder, mit dem passenden Gestank nach faulen Eiern. Was einen Vulkanfreak wie mich jegliche Schmerzen vergessen ließ. Vulcano erwies sich als wundervoller Einstieg in unseren Urlaub. Umso mehr, als ich merkte, dass sich meine Rheumaschmerzen im milden sĂŒdlichen Klima langsam verringerten. Und so machten wir uns zwei Tage spĂ€ter auf zur Insel Stromboli. Die Überfahrt dorthin dauerte fast dreieinhalb Stunden, aber zum GlĂŒck war mir im Boot nicht ganz so ĂŒbel wie bei dem Ausflug nach Vulcano.

Auf der Insel unserer TrĂ€ume angekommen, fiel uns auf, wie stark und andauernd der Stromboli qualmte. Sollte der laut Internet nicht bloß alle zwanzig Minuten seine Show abziehen? Ein Telefonat mit unserem Tour-Guide brachte Klarheit: Der Stromboli war seit diesem Morgen hyperaktiv, der Weg zum Gipfel gesperrt. Der Weg, fĂŒr den ich monatelang trainiert hatte! GlĂŒcklicherweise zeigte uns der Guide eine Alternative auf, den Weg zur sogenannten Feuerrutsche (Sciara del Fuoco), den wir sogar ohne FĂŒhrer gehen durften.

Die EnttĂ€uschung ĂŒber den entgangenen Gipfelausflug legte sich rasch, als wir durch die blĂŒhende Landschaft von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt ĂŒber dem Meer wanderten. Die aktiven Krater waren den grĂ¶ĂŸten Teil des Wegs, der ĂŒber die Flanke des Bergs fĂŒhrte, nicht zu sehen, lediglich die Qualmwolken am Himmel. Doch alle paar Minuten hörte man ein mĂ€chtiges Grollen aus den Tiefen des Feuerbergs und Fauchen, das geradezu gruselig wirkte.

Das Training zahlte sich aus

Die meiste Zeit ĂŒber regte sich kein LĂŒftchen, es war brutheiß und mit sĂ€mtlichen Abstechern legten wir immerhin 700 Höhenmeter zurĂŒck. Somit zahlte sich mein Training doch noch aus und ich erreichte in ĂŒberraschend guter Verfassung das Ziel. Von der Sciara del Fuoco aus konnten wir zwei aktive Krater beobachten und ich genoss das spektakulĂ€re Schauspiel, das der Stromboli an diesem Tag bot, in vollen ZĂŒgen. Eruption folgte auf Eruption, FeuerfontĂ€nen schossen in den Himmel, glĂŒhende Magmabrocken flogen hoch in die Luft, um dann auf der Feuerrutsche nach unten, Richtung Meer zu rollen. Zwischendurch quollen riesige Staubwolken aus dem Berg. Und ich konnte es kaum fassen, dass der Traum vom Stromboli tatsĂ€chlich wundervolle, ĂŒberwĂ€ltigende Wirklichkeit geworden war!

Stundenlang standen wir wie festgewurzelt neben der Sciara del Fuoco, mit der Kamera meines Manns quasi im Dauereinsatz. Andere Wanderer – Deutsche, EnglĂ€nder, Franzosen, Tschechen – fanden sich nach und nach ein und wir alle staunten und fĂŒhlten uns klein und demĂŒtig angesichts dieser gewaltigen NaturkrĂ€fte. Je dunkler es wurde, desto grandioser erschienen die LavafontĂ€nen. Wir verzehrten die mitgebrachten Energieriegel im Stehen, immer mit Blick auf die Krater, um keine einzige Eruption zu verpassen. Erst als es richtig Nacht wurde, machten wir uns, mit Stirnlampen ausgerĂŒstet, an den Abstieg. Jetzt, als die Euphorie allmĂ€hlich abflaute, merkte ich, wie erschöpft ich war. Der Tipp meines Bruders, fĂŒr das letzte WegstĂŒck Cola mitzunehmen, bewĂ€hrte sich nun. Koffein und Zucker halfen mir, fĂŒr den langen RĂŒckweg noch einmal alle KrĂ€fte zu mobilisieren. Und so marschierten wir unter dem grandiosen Sternenhimmel Siziliens durch die Nacht, hinter uns der grollende Feuerberg. Ein absolut unvergessliches Erlebnis.

Zehn Tage spĂ€ter verließen wir Sizilien, mit spektakulĂ€rem Videomaterial im GepĂ€ck und vor allem – glĂŒcklich. Zwischendurch hatten wir noch einen Hagelsturm am Ätna durchgestanden, aber das ist schon wieder eine neue Geschichte 
 

Zur Autorin

Frauke Schuster und ihr Mann Hans haben ihren Vulkan-Traum wahrgemacht.